Das Web, das sind wir.

Die Pharaonen hätten Heissluft-Ballon fahren können. Sie hatten alles dafür: Die Handwerkskunst mit Feuer, Segel, Tüchern und Körben. Erstaunlich. Eigentlich vergleichsweise primitive Kenntnisse und Fertigkeiten. Um so erstaunlicher, dass sie es nicht gemacht haben, da sie ja wie bekannt immens erfinderisch und kreativ waren, sie beobachtet haben müssen, wie heisse Luft bei Bränden die Asche und leichtes Material hochgetragen hat und eine sehr detaillierte Vorstellung von den Göttern Sonnengott Ra & Co im Himmel und unter der Erde hatten, hervorragende Astronomen und Meteorologen gewesen sind. Aber vielleicht war es auch deshalb. Es passte nicht in ihr Weltbild. Vielleicht war es einfach tabu, darüber nachzudenken. Oder sie waren zu sehr mit ihren Kulten beschäftigt.

Aber warum hat es bis 1783 gedauert, bis zur ersten Fahrt der Gebrüder Montgolfière? Im Zeitalter der Aufklärung, der Tabubrüche. Die Vorstellung, dass es möglich ist, dass Menschen die Erdanziehung überwinden und in die Luft steigen können. Die Vision darüber war es wahrscheinlich, nicht die Verfügbarkeit der Mittel. Visionen sind die stärkste Triebfeder für Innovation und sprunghafte Entwicklungen. Die Mittel sind meist fast alle da.

Denktabus und Dogmas zu durchbrechen, um die Ecke und über den Tellerrand zu schauen, Grenzen zu überschreiten, sich das Undenkbare vorzustellen, Neuland zu entdecken, vorurteilsfrei auf das Gegebene zu blicken, neue Pfade darin zu entdecken, Möglichkeiten zu erfinden, kontinuierlich den Willen und die Energie für den eigenen Weg aufzubringen, Weggefährten zu finden und zu motivieren, sich nicht durch Zweifler und Pharisäer beirren und entmutigen zu lassen, das ist das, was mich interessiert. Die Barriere, die es zu überwinden gilt, ist nur im Kopf. In anderen Dingen bin ich nicht besonders gut. Glaube ich.

Das Web ist eines der wichtigsten Labore unserer Zeit für das freie Denken, Ausprobieren, Finden, Entdecken und Erfinden. Mit augenblicklicher Resonanz und Rückkopplung. Eine Erfahrungs- und Lernmaschine. Eine Erlebniswelt und eine Denkfabrik. Schneller und effizienter als alles, was wir vorher kannten.

Das Web muss deshalb frei und unabhängig bleiben. So wie das, was in meinem Kopf und in meiner Vorstellungswelt ist. Das Web ist natürlich anarchistisch und geordnet. National und international. Brilliant und mittelmässig. Stellenweise schmutzig und auch hochmoralisch. Das Web ist unser Spiegelbild. Das Web, das sind wir.

Update: Heute morgen zufällig in Facebook entdeckt: Was Manager von Damien Hirst lernen können. [via Thomas Menk]


15 thoughts on “Das Web, das sind wir.

  1. Das, was kommt, wird gerade erdacht. Von Freigeistern, kollaborativ. Ego-getriebenes Tun hat keinen Bestand, keinen Wert. Nachhaltigkeit ist mit alter Denke nicht zu erzeugen. Es geht immer wieder um die Frage: Wo sind die anderen, wie wollen wir leben?

  2. Cem … 1000 Dank für den Artikel. Seit ich vor fast 10 Jahren zum ersten Mal Ivan Illichs „Im Weinberg des Textes“ gelesen haben – ein grandioses Essay, dass ich Dir nur allerwärmstens ans Herz legne kann – bin ich überzeugt, das Technik alleine nichts, aber auch gar nichts verändert. Erst wenn Technik auf einen gesellschaftlichen Willen, einen Bedarf trifft, dann verändert sie etwas.

  3. Im 13. Jahrhundert wurde in Frankreich ein „Luftschiffer“ verurteilt, der aus dem Land Mangonia stammte und bei den Bauern Lebensmittel eingesammelt hatte.

  4. Hier ist der Text online zu Ivan Illichs “Im Weinberg des Textes”, von dem ben_ in seinem Kommentar weiter oben spricht:

    Für interessierte Leser. Danke für den Hinweis, ben_.

  5. Gab es nicht auch mal die Geschichte, das die Alten Griechen im Grunde schon eine Dampfmaschine konstruiert haben, die dann aber nicht weiter entwickelt oder überhaupt verwendet wurde. Wei viele gute Idee mögen wohl im Internet bereits vorhanden sein, aber aufgrund der Masse untergehen? Der Vorstellung, dass eine Idee nur gut genug sein muss, um sich dann von selbst durchzusetzen, traue ich auch nicht so ganz.

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